12.12.2019
Menschlich bereichernde Herausforderungen - 23. Trierer Hospiztag widmete sich ebenso dem Thema „Fremdheit“

TRIER. „Fremdheit in der hospizlichen und palliativen Sorge“ lautet das Thema des 23. Trierer Hospiztags am vergangenen Samstag (16. November) im Robert-Schuman-Haus. Experten aus Wissenschaft und Praxis berichteten über besondere Herausforderungen und menschlich bereichernde Erfahrungen – und eröffneten so den mehr als 200 Teilnehmern der Veranstaltung beeindruckende Einblicke und wertvolle Hilfestellungen.
"Ich möchte
dich verstehen", lautete das Motto, und auch wenn sich dieses nicht in erster
Linie an die Referenten richtete, so zeichneten sich doch deren Vorträge allesamt
durch ihre Verständlichkeit und Praxisnähe aus. "Fremdheit ist keine feste
Eigenschaft", erklärte Professor Dr. Dr. Thomas Heinemann gleich zum Auftakt
und rief dem Publikum in Erinnerung, was bisweilen in Vergessenheit zu geraten
droht: "Wir sind in der Fremde auch fremd, und wir empfinden uns dann auch als
fremd".
Der Inhaber des Lehrstuhls für Ethik, Theorie und Geschichte der
Medizin an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar führte in das
Thema ein und machte die Ambivalenz von "Fremdheit" deutlich: diese könne eine
wesentliche Bereicherung bedeuten, aber auch zu Unsicherheiten führen.
Beide Erfahrungen
kennen Beschäftigte des Gesundheits- und Pflegesektors aus ihrer täglichen
Arbeit, wie die Berichte aus der Praxis verdeutlichten. So zeigte Melanie Jäger
vom Mutter-Rosa-Altenzentrum in Trier auf, welche besondere Herausforderung die
Kommunikation mit Menschen darstellt, die an einer demenziellen Erkrankung
leiden. Hierbei komme es entscheidend auf die eigene Haltung und die Bereitschaft
des Pflegenden an, eine Beziehung zum Patienten aufzubauen. Schließlich zählten
an Demenz erkrankte zu einer Gruppe von Menschen, die "ganz besonders
verletzlich" und deshalb besonders auf feste Bezugspersonen und Vertrautheit
angewiesen seien, so Jäger. Wichtig sei herauszufinden, "was dieser Mensch jetzt
braucht", und dies müsse oft auch ohne verbale Kommunikation gelingen.
Menschen,
"die anders sehen, anders hören und anders empfinden", widmete sich
anschließend Werner Schmitz, Hausoberer der Barmherzigen Brüder Schönfelderhof
in Zemmer. Je nach Art der psychiatrischen Erkrankung würden sich die Klienten auch
"selbst fremd", weiß Schmitz, und noch immer müssten viele von ihnen erleben,
"dass man Angst vor ihnen hat, obschon sie doch so viel Angst vor dem Leben
haben." Schmitz warb dafür, sich in die besondere Komplexität psychiatrischer
Krankheitsbilder hinein zu denken und zu fühlen; und sich hierbei vor Augen zu
führen, "dass die Klienten entscheiden, wem sie ihr Vertrauen schenken."
Einrichtungen wie jene der Barmherzigen Brüder Schönfelderhof böten aufgrund
ihrer langen und intensiven Arbeit; Betreuung und Zuwendung die Chance,
Vertrauen auf- und Fremdheit abzubauen.
Fällt der
Begriff "Fremdheit", denken viele zuvorderst an Zugewanderte, sprich Menschen
mit einem besonderen kulturellen Hintergrund. Ruth Krell vom Hospizverein Trier
begegnet Sterbenden und deren Angehörigen aus anderen Kulturkreisen in ihrer
ambulanten hospizlichen Tätigkeit. Anders als oft vermutet, stellten
Sprachbarrieren nicht das größte Problem dar, berichtete Ruth Krell; denn hier
könne sie meist auf die bei vielen Familien oft noch sehr ausgeprägte
Hilfsbereitschaft von Angehörigen und Freunden des Sterbenden bauen. Eine
größere Hürde sei es, "unser Verständnis von palliativer und hospizlicher
Arbeit zu vermitteln." So seien beispielsweise Vorbehalte gegen Opiate weit
verbreitet. Bisweilen müsse sie auch unkonventionelle Wege beschreiten, beschrieb
Ruth Krell die Herausforderungen, die sie zugleich als sehr bereichernd
empfinde.
Das betonte
auch Melanie Schuth vom Caritaszentrum Mendig, die im vierten und letzten
Praxisvortrag auf Menschen mit einer geistigen Behinderung einging. Gelingende
Kommunikation verlange hier nach einer einfachen und verständlichen Sprache mit
den Klienten, und je nach Behinderung bedürfe es auch nonverbaler
Verständigung, etwa mithilfe von Piktogrammen, berichtete Melanie Schuth.
Warum
Veranstalter dieses Thema für den diesjährigen Hospiztag auswählten? Diese
Frage hatte Hildegard Eynöthen schon zu Beginn in ihrer Begrüßung in den Raum
gestellt - wohl wissend, dass spätestens nach den Vorträgen hinreichend klar
sein würde, wie vielseitig Fremdheit und die Beschäftigung mit ihr gerade für
Menschen im Gesundheits- und Pflegesektor ist. Kommunikation sei mehr als die
Mitteilung von Information, und insbesondere für Pflegende stelle sich eine
besondere Herausforderung, hatte Professor Heinemann in seinem Auftaktvortrag
bereits deutlich gemacht: "Es besteht eine Asymmetrie der Beziehung", und es
müssten naturgemäß "Grenzen überschritten werden", gab er zu bedenken und den
Zuhörern zugleich mit auf den Weg: "Aber auch Sie dürfen den Schwachen und
Hilfsbedürftigen Grenzen setzen." Am Ende sei der Maßstab immer die Achtung der
Würde des jeweils anderen, so Heinemann. .





